Vom Dringenden und vom Wichtigen
- Anna Wirth
- Jan 15
- 2 min read

ebe Leserinnen, liebe Leser! Ich hoffe, ihr seid gut ins neue Jahr gerutscht.
Kurz vor dem Jahreswechsel hatte ich eine dreistündige Coaching-Session mit einem Klienten. Gemeinsam haben wir auf das Jahr 2025 zurückgeblickt und einen Ausblick auf 2026 gewagt. Was lief gut? Was blieb liegen? Und was soll im neuen Jahr Raum bekommen?
Summa summarum hatte mein Klient rund 70 Prozent von dem erreicht, was er sich vorgenommen hatte. Ein gutes Ergebnis. Und doch blieb ein Punkt, der ihn beschäftigte: Ein Herzensprojekt – ein Buch, das er schon lange schreiben wollte – war wieder nicht entstanden. Nicht, weil es ihm nicht wichtig gewesen wäre, sondern weil, wie er sagte, „das Leben passiert ist“.
Es war immer etwas anderes dringender. Etwas, das seine Aufmerksamkeit sofort verlangt hat.Viele von uns kennen dieses Gefühl. Der Tag ist voll, wir sind beschäftigt, erledigen viel – und trotzdem bleibt am Abend eine leise Unzufriedenheit. Etwas Entscheidendes wurde wieder nicht getan. Nicht aus Faulheit, sondern weil das Dringende lauter war als das Wichtige.
Dringende Dinge melden sich sofort. Sie kommen von außen, setzen uns unter Druck und ziehen uns automatisch hinein: eine E-Mail, ein Anruf, eine Deadline, eine Bitte, auf die man „rasch noch reagieren“ sollte. Das Dringende belohnt uns schnell – mit Erleichterung, mit dem Gefühl, etwas abgehakt zu haben.
Was uns wirklich wichtig ist – zum Beispiel eine neue Gewohnheit zu entwickeln oder ein großes Projekt wie ein Buch zu schreiben – funktioniert ganz anders. Es entsteht von innen. Es meldet sich nicht laut und erinnert uns nicht ständig an sich. Ob es Raum bekommt, hängt davon ab, ob wir uns bewusst dafür entscheiden und uns bewusst Zeit dafür nehmen. Es verspricht keine sofortige Belohnung. Sein Sinn zeigt sich oft erst später: darin, dass wir etwas erschaffen haben, in langsamem Wachstum, in innerer Klarheit oder in einem Leben, das sich stimmiger anfühlt.
Ein weiterer Unterschied liegt in der Einfachheit. Dringende Aufgaben haben meist einen klaren Weg und werden von Systemen getragen: Wir wissen, was zu tun ist, wie es zu tun ist und wann es erledigt ist. Das Wichtige hingegen müssen wir selbst tragen. Wir müssen ihm Platz einräumen, unsere Aufmerksamkeit schützen und manchmal bewusst „Nein“ sagen – zu anderem, um „Ja“ zu uns selbst sagen zu können.
Große Projekte sind zudem oft mit Ungewissheit verbunden. Es gibt keinen fertigen Plan, keine Garantie, alles richtig zu machen. Manchmal bedeutet es sogar, sich selbst zu begegnen – mit Fragen, Zweifeln oder Unsicherheit. Genau das macht es schwerer. Es gibt keinen äußeren Druck, keine schnellen Erfolge, keine Umgebung, die es automatisch unterstützt. Es verlangt etwas, das in unserer lauten Welt selten geworden ist: reife Aufmerksamkeit.
Man könnte sagen: Das Dringende läuft bergab – es folgt der Schwerkraft. Das Wichtige geht bergauf. Es kostet Kraft. Aber genau dort, bergauf, verändert sich etwas. Dort entstehen Tiefe, Sinn und langfristig ein Leben, das nicht nur voll, sondern erfüllt ist.
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